Vortrag im Wiesbadener Presseclub zum Thema „Herausforderung Demenz“


Von Ingeborg Toth

WIESBADEN - „Eine Demenzerkrankung ist auch eine Herausforderung für die Angehörigen, weil der geliebte Mensch plötzlich anders ist.“ Das erklärte Wolfgang Knauf im Presseclub zum Thema „Herausforderung Demenz“. Der Chef der geriatrischen Medizin in der Asklepios-Paulinen-Klinik bietet Patienten und ihren Angehörigen eine „Memory-Clinic“, eine Gedächtnisambulanz, an.

Expertenteam stellt die Diagnosen

Bei Untersuchungen, die sich über drei Tage hinziehen, klärt ein Expertenteam unter Knauf, ob eine Demenz vorliegt, um welche der verschiedenen Demenzerkrankungen es sich handelt und in welchem Stadium sich die Erkrankung befindet. Ziel ist es, durch die vielfältigen Untersuchungen frühzeitig die Ursachen von Gedächtnisproblemen zu erkennen, um Perspektiven für eine langfristige Hilfe aufzuzeigen. Knauf: „Es muss nicht immer Alzheimer sein.“

Am Beginn einer demenziellen Erkrankung können unter anderem Aufmerksamkeit, Denken, Fühlen und Urteilen beeinträchtigt sein. Der Betroffene kann aber noch weitgehend selbstständig leben. „Für ihn steht die Ampel noch nicht auf Rot – aber auf Gelb. Es gibt ein Stadium zwischen dement und gesund“, so Knauf. Mit verschiedensten Tests und Untersuchungen lässt sich in der Memory-Clinic die Grenze zwischen dem „altersbedingt Normalen“ und einer Erkrankung herausfinden – so unscharf die Abgrenzung auch sein kann.

Wenn die Ampel bei den alle sechs Monate erwünschten Nachuntersuchungen weiter auf „gelb bleibt, ist alles gut. Wenn sie auf Rot umspringt, müssen wir behandeln“, so der Medizin-Professor. Durch medikamentöse Behandlung ließen sich die Symptome etwa bei Alzheimer vorübergehend bessern, der Krankheitsverlauf lässt sich etwas verzögern: „Eine Heilung ist derzeit nicht möglich“, so der Experte.

Die Medizin habe seit den Entdeckungen des Nervenarztes Alois Alzheimer keine nennenswerten Fortschritte zu bieten. Aber bei der nicht-medikamentösen Behandlung habe sich viel getan, vor allem durch die Beratung und Betreuung der Erkrankten und ihrer Angehörigen durch gemeinnützige Vereine.n Knauf gehört der Wiesbadener Alzheimer Gesellschaft an, die auf vorbildliche Weise versuche, die noch vorhandenen Fähigkeiten des Patienten zu erhalten. Besser als Medikamente mit ihren zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen, wirkten Logopädie oder Physiotherapie. Sie helfen dabei, den Krankheitsverlauf zu „entschleunigen“, so Knauf. Er beschrieb den Tanztee für Demenzkranke als ideale Therapie – rhythmische Bewegung zu Musik erzeuge gute Laune und körperliches Wohlbefinden.

Im Presseclub kam die Frage auf, wie gegen Alzheimer und Co. vorzubeugen sei. Antwort: „Gesunde Lebensführung, auf den Blutdruck achten, gut ernähren – mehr geht nicht.“ Knauf bekannte: „Ich nehme keine Pille ein – obwohl ich auch nicht sicher sein kann, keine Demenz zu bekommen.“ Der Mediziner widersprach auch der Darstellung, dass demenzielle Erkrankungen schichtenspezifisch seien. Sie könnten jeden treffen – mit dem Alter steige das Risiko.

Moderator Andreas Bell tat etwas Ungewöhnliches: Er berichtete von der Erkrankung seiner Mutter. Er schilderte, wie sie es schließlich schaffte, in einer Betreuungsgruppe die Zuwendung anderer anzunehmen und sich geborgen zu fühlen. „Aber dort ist sie acht Stunden am Tag – und der Tag hat 24 Stunden.“

Wiesbadener Kurier, 28.09.2017

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