Satirische Spitzen im Presseclub


Klaus-Ulrich Moeller manövriert sich durch Sprachungenauigkeiten

Von Christina Oxfort

WIESBADEN - Klaus-Ulrich Moeller ist enttäuscht. Das erst kürzlich von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürte Wort des Jahres „Jamaika-Aus“ ist so gar nicht nach dem Geschmack des Kommunikationstrainers, Journalisten und Autors, der sich bei der Weihnachtsfeier des Presseclubs Wiesbaden (PCW) in der Villa Clementine über „Kant hätte geweint. Und so manch anderer auch“ ausließ. „Postfaktisch“, das Wort des Jahres 2017, war da schon mehr nach dem Geschmack des gerade erst zum Europameister der Redner-Organisation Toastmasters gekürten Kabarettisten. Vor voll besetztem Haus manövrierte sich Moeller, langjähriger Kommunikationschef renommierter Wirtschaftsunternehmen, durch die Sprachungenauigkeiten und -defizite unserer Zeit und unterhielt mit „Sprachauswuchs“-Beispielen wie dem „Halt-Entfall“, der der Deutschen Bahn eingefallen und das bessere Wort des Jahres gewesen sei: „Ohne die Bahn wäre ich da nicht draufgekommen.“

Ein Mensch ist nicht doof, er gehört einer bildungsfernen Schicht an. Oder wurde vom Bildungssystem nicht erreicht. Mit unleugbarem Sprachgefühl analysiert Moeller, dass die Sprache auch Schuld verlagert. Weg vom Einzelnen, hin zum System. Im großen Rundumschlag lässt der studierte Historiker weder an Donald Trump noch an Martin Schulz allzu viel gute Haare, er untersucht die Fähigkeit des Vertrauens – „Ich schenke Ihnen mein Vertrauen, auch wenn ich dann keins mehr habe“ – am Beispiel von Hebammen und der Feuerwehr, und gibt schließlich Auszüge aus seinem „Beleidigungs-Trainer“, mit dem er die Europameisterschaft der Toastmasters gewann, wieder. Sein Tipp: Immer der Erste sein, der beleidigt. Für die erste Beleidigung gebe es keine zweite Chance.

Moeller, Diplomatic Council Commissioner bei den Vereinten Nationen, setzt sich bei seinem von Corinna Freudig moderierten Auftritt kritisch mit der „nicht definierten fünften Gewalt“, dem Einzelnen, auseinander. Der produziert nach Ansicht des Journalisten eine „ungesteuerte Menge an Halbwahrheiten und Lügen“, kaum jemand sei sich des Kodex bewusst, dass er Verantwortung für das in sozialen Medien öffentlich Geäußerte trage. Dass eine Vielzahl an Likes und Kommentaren dank findiger Unternehmen ebenfalls in den Bereich des „fake“, da gekauft, gehören, ist nicht neu. Es schadet jedoch nicht, es immer mal wieder zu betonen.

„Was ist der Mensch in unserer Gesellschaft noch wert?“, regte der passionierte Wanderfreund und Fahrradfahrer, der durchaus satirisch-spitz zu formulieren versteht, zum Nachdenken an. Wenn Unternehmensteile wertvoller sind als ein ganzer Betrieb – was bedeutet das dann für den Menschen? Der Mensch übrigens, räsoniert Klaus-Ulrich Moeller, „wird erst in der Beleidigung authentisch“. Deshalb empfiehlt der Kommunikationsprofi, der in Zeiten der „hate speeches“ und „shitstorms“ natürlich nicht zur Beleidigung, sondern zum gelasseneren Umgang miteinander auch in der kritischen Auseinandersetzung wirbt, Workshops fürs „professionelle Fluchen“.

Wiesbadener Kurier, 15.12.2017

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