Japan zwischen Pazifismus und Zeitenwende


Eine gute Stunde lang führte die Japanologin Hannah Janz ihr Publikum im Presseclub Wiesbaden durch die Lage eines Landes, das in der deutschen Öffentlichkeit kulturell präsent, politisch aber oft wenig im Blick ist. Ihr Vortrag trug den Titel: „Japans Margaret Thatcher: Wie Premierministerin Takaichi das Land durch die Zeitenwende führt.“

Hannah Janz, Journalistin und Leiterin der Kommunikation der IHK Wiesbaden, studierte unter anderem an der Freien Universität Berlin, der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Tokio. Mehrere Jahre war sie am Goethe-Institut Tokyo tätig. Ihre Masterarbeit widmete sie der Öffentlichkeitsarbeit der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Mit zehn Jahren Landeserfahrung verband sie politische Analyse, journalistische Präzision und persönliche Anschauung. Durch den Abend führte Prof. Dr. Dr. Alexander Moutchnik, der die Veranstaltung kenntnisreich und kurzweilig moderierte. Bereits in der Einführung wurde deutlich, dass Japan kein fernes Spezialthema ist, sondern ein zentraler Teil der internationalen Politik: Wie verändert sich ein Land, dessen Nachkriegsidentität auf Pazifismus, Wirtschaftskraft und amerikanischem Schutz beruhte, wenn sich sein sicherheitspolitisches Umfeld verschärft? Im Zentrum stand Sanae Takaichi, seit Oktober 2025 die erste Regierungschefin in der Geschichte Japans. Den Vergleich mit Margaret Thatcher, den Takaichi selbst zieht, hielt Janz für aufschlussreich, aber nicht vollständig deckungsgleich. Härte, Prinzipientreue und ein starkes Sicherheitsdenken verbinden beide Politikerinnen. In der Wirtschaftspolitik zeigen sich jedoch Unterschiede: Wo Thatcher für Privatisierung stand, bewegt sich Takaichi stärker in der japanischen Tradition einer engen Verbindung von Wirtschaft, Politik und Bürokratie.

Einen großen Teil des Abends nahm die Sicherheitslage ein. Artikel 9 der japanischen Verfassung, der Verzicht auf Krieg als Mittel internationaler Politik, gehört weiterhin zum Selbstverständnis vieler Japanerinnen und Japaner. Zugleich wird diese Ordnung seit Jahrzehnten schrittweise neu ausgelegt. Die Selbstverteidigungsstreitkräfte, lange gesellschaftlich eher unsichtbar, haben an Bedeutung gewonnen. Der russische Angriff auf die Ukraine 2022 wirkte auch in Japan als Zäsur: Die Annahme, dass ein Land, das sich nicht aggressiv verhält, selbst nicht angegriffen werde, verlor an Überzeugungskraft.

An mehreren Brennpunkten machte Janz Japans sicherheitspolitisches Umfeld sichtbar: Russland im Norden, Nordkorea mit Raketen und Atomwaffen, China mit wachsender militärischer Macht — und Taiwan, das nur rund 111 Kilometer von der südlichsten japanischen Insel entfernt liegt. Ein Konflikt um Taiwan wäre für Japan keine ferne Krise, sondern eine unmittelbare Herausforderung.

Japan reagiert mit höheren Verteidigungsausgaben, neuen Kooperationen und einer stärkeren sicherheitspolitischen Ausrichtung. Zugleich machte Janz deutlich, dass Japans schwierigste Front vielleicht im Inneren liegt: eine alternde und schrumpfende Gesellschaft, Energieabhängigkeit, eine seit Jahrzehnten stagnierende Wirtschaft, ungelöste Fragen der Migration, Familienpolitik und Gleichstellung. Japan ist Deutschland in manchen demografischen Entwicklungen fünf bis zehn Jahre voraus — und wirkt damit auch wie ein Blick in eine mögliche eigene Zukunft.

In der Diskussion öffnete sich der Blick auf Sprache, Alltag und Kultur: auf Cool Japan und Anime, auf Düsseldorf als „kleines Japan“ in Deutschland, auf Mülltrennung, Hikikomori und die Erfahrung, als Ausländerin in Japan dauerhaft administrativ verwaltet zu werden. Gerade diese Passagen zeigten, dass sich Japan nur verstehen lässt, wenn politische Analyse und kulturelle Übersetzung zusammenkommen.

Am Ende stand ein vielschichtiges Bild: Japan als Wertepartner, Sicherheitsakteur, Zukunftslabor und Spiegel zugleich. Der Abend im Presseclub Wiesbaden zeigte, wie nah ein Land politisch sein kann, das geografisch weit entfernt liegt.

 

Hanna Janz und Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dr. Alexander Moutchnik

Text und Bilder: PCW

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Martin Kalverkamp, Geschäftsführung dpa-AFX Wirtschaftsnachrichten GmbH