Berlin-Korrespondent Robin Alexander präsentiert Buch über das Management der Flüchtlingskrise


WIESBADEN - Das Flüchtlingsthema bewegt seit annähernd zwei Jahren die deutsche Öffentlichkeit, bisweilen stehen sich die Meinungslager unversöhnlich gegenüber. Robin Alexander, Berlin-Korrespondent der „Welt am Sonntag“, hat aufgeschrieben, wie in den entscheidenden 180 Tagen zwischen Grenzöffnung und Schließung der Balkanroute von der Politik die Weichen gestellt wurden. Sein Buch „Die Getriebenen“ verblüfft.

Das Thema mobilisiert, wie der überaus gute Besucherzuspruch im Presseclub Wiesbaden zeigt. Moderator Reinhard Schlieker stellt den Autor vor, der dann sehr anschaulich erzählt, auf Fragen antwortet, aus seinem Buch liest. Dabei macht er eines von Anfang an klar: Mit seinem Recherchewerk gibt er keine Wertung ab, sondern protokolliert, wie im deutschen Machtzentrum Berlin Entscheidungen getroffen wurden und welche Konsequenzen sie hatten. Fazit: Vieles lief unüberlegt und planlos, statt gemeinsam Lösungen zu suchen, wurde von den politisch Verantwortlichen taktiert, verzögert, ausgebremst.

Ein Höhepunkt nicht stattfindender Kommunikation zu einem Zeitpunkt, als die Situation eskalierte, war wohl die Tatsache, dass der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer am 4. und 5. September 2015, als die erste Flüchtlingswelle von Ungarn aus über Österreich gen Deutschland rollte, für Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht erreichbar war. Er hatte sich in sein Ferienhaus im idyllischen Altmühltal zurückgezogen und schwieg. Autor Alexander vermutet, dass Seehofer schmollte, weil Merkel ihm für die Teilnahme an den Festlichkeiten zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß eine Absage erteilt hatte – und dann zeitgleich in München die Technische Universität besuchte.

Merkel selbst kommunizierte in der heißen Phase, so Autor Alexander, nur spärlich und spät. So habe sie maßgebliche Politiker lediglich von ihren Entscheidungen in Kenntnis gesetzt, sich mit ihnen aber kaum oder gar nicht beraten.

Robin Alexander schildert in seinem Buch auch, dass Anfang September 2015 die Schließung der bayerischen Grenze – dort, wo sich die Flüchtlingsrouten vom Balkan und dem Mittelmeer trafen – vonseiten der Bundespolizei minutiös vorbereitet war. Der Umsetzungsbefehl wurde jedoch von der Politik nicht erteilt. Als eine gravierende Konsequenz der Merkelschen Flüchtlingspolitik nennt der Autor den Ansehensverlust Deutschlands in den ostmitteleuropäischen Staaten, denen die Kanzlerin die Verteilung der Flüchtlinge entgegen der Dublin-Vereinbarung habe oktroyieren wollen.

Alexander ist Insider, hat Zugang zu wichtigen Zirkeln im Berliner Machtzentrum. Ansonsten hätte er diesen Bestseller nicht schreiben können. Außer in Berlin hat er in Brüssel, Wien, Budapest und der Türkei recherchiert und auch hier Hintergründiges von Bedeutung erfahren. Eines seiner Resümees an diesem Abend lautet: „Ich habe den Eindruck, dass einige Akteure in der Flüchtlingskrise mit den Dingen, die geschahen, innerlich noch lange nicht fertig sind.“

Wiesbadener Kurier, 13.05.2017

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