American German Business Club zu Gast bei „300 Tage Trump im Amt“ im Wiesbadener Presseclub


Von Viola Bolduan

WIESBADEN. Warum ist Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden und von wem? Diesen Fragen kann man systematisch nachgehen und die Resultate analytisch auswerten. Eine Twitterbotschaft reicht da nicht, gut ist ein ganzer langer Abend im Presseclub (PCW), wohin zur Gemeinschaftsveranstaltung mit dem American German Business Club Wiesbaden-Mainz zwei Referenten eingeladen waren.

Polarisierung der Bevölkerung

Moderiert von Stefan Schröder, PCW-Vorsitzender und Chefredakteur der Wiesbadener Tageszeitungen, sprachen der Experte für internationale Entwicklungen Professor Neamat Nojumi und Wirtschaftswissenschaftler Christian Rieck über ihre Schlussfolgerungen nach „300 Tagen Trump im Amt“; oder präziser über Ursachen und Folgen eines ,Trumpismus’ in den USA, der sich mit der Präsidentenwahl zwar überraschend dekuvriert habe, aber Resultat eines doch langen soziopsychologischen Prozesses der Polarisierung der amerikanischen Bevölkerung sei. Die Amerikaner wählten Trump, weil er sich von allen anderen Kandidaten am meisten unterschieden hat, sagt Christian Rieck; also mehr aus Bauchgefühl heraus denn aufgrund politischer Überlegungen, ergänzt Nojumi. Die Herren sprechen Englisch, wenn auch nicht immer ein sofort klar verständliches für ungeübtere Ohren.

Rieck nennt Trumps Wählerschaft einen „eclectic mix“ (eklektische Mischung) mit äußerst unterschiedlichen, auch untereinander konträren Erwartungen, gewachsen aus Ablehnung der etablierten Polit-Elite in Washington. Da ist ein Businessman wie Donald Trump natürlich ein anderes Kaliber. Und: Was vor der Wahl als Kampagne taugte, werde jetzt als ganz einfach Regierungsprogramm fortgeführt, so Nojumi.

Wunschlisten machen kein Regierungsprogramm aus

Aus disparaten Wählererwartungen sei ja auch keine klare Regierungslinie zu erwarten, schlussfolgert Rieck, und Nojumi pflichtet bei: Wunschlisten machten eben noch kein Regierungsprogramm aus. Persönliche Geschäfts- und Profitinteressen sieht Nojumi als dessen Handlungsbasis, profunden Mangel an politischer Erfahrung konstatiert Rieck und nennt den politischen Zustand „magischen Realismus“, wofür Trumps Verhalten vor, während und nach seinem Besuch in China Beispiel gibt: Wandlungsfähigkeit spricht auch für einen Mangel an Verlässlichkeit.

Wenn denn Amerika auf seine bisherige Rolle als Wächter von Freiheit und Menschenrechten künftig verzichten wolle, könne Europa doch in die Lücke springen, meinen beide Gäste. Und ja, die USA könnten auch wieder zurück in die Zeit vor Trump, denn immerhin arbeiteten viele Institutionen unterhalb der Regierungsebene mit ihren internationalen Verbindungen weiter wie bisher, und das bewährte System von „checks and balances“ (zur Aufrechterhaltung der Gewaltenteilung) wirke noch. Außerdem: „Die meisten Amerikaner haben Trump nicht gewählt ... und viele junge Menschen glauben noch an Demokratie, Freiheit und Menschenrechte“, will Christian Rieck Aufregungen beruhigen. ,Trumpismus’ freilich werde in Amerika mit der bestehenden gesellschaftlichen Polarisierung bestehen bleiben. Für eine Problemlösung waren die beiden Wissenschaftler nicht zuständig.

Vorsichtiger Optimismus

Künftige Gefahr sieht Professor Nojumi im Mittleren Osten, und Christian Rieck stimmt ihm zu, dass China im globalen Spiel bald eine stärkere Rolle spielen wird. Mit seinem Slogan „America first“ tritt Donald Trump ja freiwillig im Weltpolitischen mehrere Schritte zurück. „Cautious optimism“ – vorsichtigen Optimismus hat Moderator Schröder als Fazit aus den Bestandsaufnahmen gegenwärtiger Politik in den USA herausgehört, gehört jedenfalls haben alle im gut besetzten Raum eine aufschlussreiche Geschichtslektion.

Wiesbadener Kurier, 16.11.2017

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