Gerhard Bökel liest im Presseclub Wiesbaden


Der Geisterzug nach Dachau

Von Laura Jung

WIESBADEN - Gerhard Bökel ist ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Als ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter, Landrat des Lahn-Dill-Kreises und Innenminister in Hessen (1994-1999) ist er kein Unbekannter. Da schmunzeln doch einige Gäste des Presseclubs Wiesbaden, als ein Zuhörer am Ende des Vortrags sagt: „Ich danke dem Himmel, dass Sie so ein engagierter junger Mann sind und dieses düstere Kapitel deutsch-französischer Geschichte aufgearbeitet haben.“ Doch das Thema ist ernst und berührt viele tief.

Archive durchforstet und Zeitzeugen interviewt

Bökel, der heute in Frankfurt und in der Nähe von Avignon lebt, hat sich eingegraben, hat in über 1000 Stunden zahlreiche Archive durchforstet, private Aufzeichnungen gesichtet und Zeitzeugeninterviews geführt. Alles mit der Absicht, Genaueres herauszufinden über die Opfer einer bisher weitgehend unbekannten, grausamen Militäroperation deutscher Nazi-Geschichte: der sogenannte Geisterzug, der im Sommer 1944 das Konzentrationslager Dachau erreichen sollte.

In den Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie Anfang Juni 1944 veränderte sich auch die Situation im Süden des Landes. Die Nazis übernahmen von der Vichy-Regierung die Verwaltung der mit politisch Internierten überfüllten Lager. Eines dieser Lager war in der Nähe von Toulouse: Le Vernet d‘Ariège. Die Nazis ordneten die Räumung des Lagers an und 5000 Häftlinge aus 16 Nationen wurden aufgeteilt.

690 von ihnen wurden in Güter- und Viehwaggons zusammengepfercht. Die Fahrt in das Vernichtungslager begann am 30. Juni 1944 und endete am 28. August 1944. Es ging mitten durch Kampfgebiete, Bahntrassen waren demoliert, Brücken durch die Résistance zerstört. Mehrfach musste der Zug gewechselt werden, auch weil er von alliierten Flugzeugen bombardiert wurde. Nur 70 Geiseln gelang unter Lebensgefahr die Flucht. Immer wieder wurden die Gefangenen zusammengetrieben, sie durften nichts trinken, mussten hungern und unter brennender Hitze mit fremdem Gepäck marschieren. Hunderte überlebten die Höllenfahrt nicht.

Bökel berichtet eindringlich von Einzelschicksalen, von einer Hundertjährigen, die erst mit 80 Jahren die Kraft aufbrachte, über das Erlebte an Schulen zu sprechen. Drei Zeitzeugen konnte er treffen, andere Aufzeichnungen bekam er von Kindern und Enkeln. Und alle eint der dringende Wunsch: „Reden wir darüber, damit so etwas nie wieder passiert.“

Wiesbadener Kurier, 21.09.2017

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Susanne Löffler, Public Relations, Museum Wiesbaden