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Die Partnerschaft mit Fatih

Artikel vom 31.12.2011

Wiesbadener Tagblatt

„Man muss hinfahren, mit den Menschen sprechen - und gewinnt möglicherweise neue Einsichten“

Von Ingeborg Toth

In einer der Kisten vor der Buchhandlung Vaternahm habe ich vor einer paar Wochen das Reclam-Büchlein „Kleine Geschichte der Türkei“ gefunden. Die Geschichte der Türkei, lebendig geschriebenen, umfassend dargestellt - für zehn Euro. Beim Blättern sah ich auf den Seiten 94 und 95 einen „Stadtplan von Istanbul nach 1453“ - jenem Jahr, in dem die Osmanen Konstantinopel eroberten. Dieser Stadtplan von 1453 ist in seinen Grenzen identisch mit dem Plan des Istanbuler Stadtteils Fatih, dessen Bürgermeister Mustafa Demir uns die Hand reichen will zur Jumelage, zur Städtepartnerschaft. 2011 ist für mich das Jahr, in dem ich die Stadt auf zwei Kontinenten, an der Schnittstelle zweier Welten, näher kennenlernen durfte. Ich wünsche mir, dass die offizielle Urkunde 2012 auch im Wiesbadener Rathaus unterzeichnet wird und eine lebendige Partnerschaft entsteht.

Fatih - das ist das alte Konstantinopel. Die historische Halbinsel wird vom Goldenen Horn, dem Bosporus und dem Marmarameer umspült. Der römische Kaiser Konstantin der Große staffierte die Stadt als ein neues Rom aus und gab ihr seinen Namen. Die Hauptstadt zweier Weltreiche nahm jahrhundertelang eine Schlüsselstellung zwischen Orient und Okzident ein.

Fatih - das ist der Stadtteil des pflichtbewussten Kommissars Mehmet Özakin von der „Mordkommission Istanbul“ im Ersten. Es ist der Teil Istanbuls, in dem sich die Hagia Sophia und der Große Basar befinden, der Sirkeci-Bahnhof, von dem aus die anatolischen Gastarbeiter nach Deutschland reisten. Dieser Bahnhof war aber auch 126 Jahre lang Endstation für den Orient Express.

Übrigens: Wie verzweifelt die Streitkräfte Kaiser Konstantin XI. versucht haben, Konstantinopel und die Landmauer zu verteidigen, wird in einem gewaltigen Rundbau eindrucksvoll vor Augen geführt. Im Panorama zeigt ein endloses Gemälde - ähnlich einem Rundkino - die Verzweiflungstaten venezianischer und genuesischer Soldaten, die gegen die Übermacht des Belagerungsheeres keine Chance hatten. Viele Details sind in dem 360-Grad-Wandgemälde festgehalten. Ergänzt durch lebendig dargestellte Szenen, mit Figuren wie aus dem Kabinett der Madame Tussaud in London. Pulverdampf steigt in der Nase, es ist das Donnergrollen der Geschütze zu hören, mit denen die Osmanen die gewaltige Landmauer schließlich zerstörten. Klar, das Panorama ist auch ein bisschen Disneyland und 1001 Nacht. Der Andrang ist groß. Ganze Schulklassen (Mädchen und Jungen in Schuluniform) kommen und staunen. Die Besucher erleben Geschichte hautnah.

Geschichtsbewusst ist auch Bürgermeister Mustafa Demir. Er hat beharrlich die historische Halbinsel zu einem Ganzen zusammengefügt. Das macht schon allein deswegen Sinn, weil er und sein Stadtrat sich jetzt nahezu um Istanbuls gesamtes bauliches Erbe der vergangenen Jahrhunderte zu kümmern haben. Um das, was das Ost-Römische Byzanz und das Osmanische Reich hinterlassen haben. Für den Denkmalschutz ist da viel zu tun.

Nebenbei wird Demir auch als kluger Verwaltungsmann gelobt, der dafür sorgt, dass Händler rasch eine Gewerbeerlaubnis und die Bürger in angemessener Zeit ihr Auto zugelassen bekommen. Die Bewohner der historischen Halbinsel kennen seinen Namen und wissen, wie er aussieht. Sein Konterfei ist sogar auf der Fassade seines Rathauses zu sehen. Dort ist eine überlebensgroße Visitenkarte mit Unterschrift angeheftet.

Der Wiesbadener Presseclub reiste nach Istanbul, um auch das „alte“ Fatih zu erkunden - den Bezirk rund um die Fatih-Moschee (die im Augenblick aufwendig restauriert wird.) Dort, so hieß es, wohnen die, die ihre anatolische Scholle gegen eine Wohnung in der Turbo-Großstadt tauschten. Man trifft sie auch. Wir haben rund um die Fatih-Moschee alte Männer gesehen, die dort herrenlose Katzen fütterten. Auch Frauen mit einem bäuerlichen Kopftuch, die schwer an ihren Einkäufen trugen. Aber verstaubt und erstarrt - das ist das Viertel rund um die Fatih-Moschee nicht. Auch diese Ecke der Stadt boomt, die Kaufkraft kaum geringer als in anderen Stadtvierteln. Die Anatolien-Einwanderer haben ihre Schnauzbärte abgenommen und ihre Frauen tragen ein Kind im Arm, eines hängt an ihren Rockzipfeln. Hübsche junge Türkinnen schieben ihre Sonnenbrillen lässig ins Haar, das gelegentlich blond gefärbt ist. Frauen mit Kopftuch lassen ihr Geld bei Lacoste, Adidas und Zara. Nach dem Einkaufsbummel bestellen sie sich einen Latte Macchiato in einem europäisch anmutenden Kaffeehaus. Klar, sagt ein junger Mann, der dem Stadtrat von Fatih angehört, unter Erdogan dürfte man auch wieder gläubiger Muslim sein. Die Ehefrau von Mustafa Demir ist es offenbar auch. Jedenfalls trägt die Frau des Bürgermeisters ein Kopftuch. Dabei ist sie zugleich die Leiterin einer Zahnklinik.

Die Stadt Istanbul zeigt, dass man laizistisch und muslimisch zugleich sein kann. Auch, dass man einen europäischen Lebensstil pflegen und in die Moschee gehen kann. Man muss hinfahren, mit den Menschen sprechen - und gewinnt möglicherweise neue Einsichten.
Nicht zuletzt deshalb wäre eine Partnerschaft hilfreich. Ging es bei den Städtefreundschaften unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg um Aussöhnung, oder - wie bei den deutsch-deutschen Partnerschaften nach der Wende - um Aufbauhilfe, so geht es heute darum, dass sich Menschen über Grenzen hinweg finden. Ein anderes kulturell-religiöses Wertesystem kennenlernen - darin kann ja auch der Reiz dieser angestrebten Städtepartnerschaft bestehen. Die Freundschaft mit Fatih könnte auch von unseren türkischstämmigen Mitbürgern als Geste ihnen gegenüber gesehen werden. Und für uns ein Anstoß sein, sich mal wieder in der Wellritzstraße umzuschauen.

Ich habe dort neulich eine Muslimin mit Kopftuch nach einem Petersiliensalat gefragt, der mir in Istanbul so gut geschmeckt hat. Die Frau war hocherfreut. Sie hat mir nicht nur ein Rezept gegeben, sondern auch gleich noch eine Salat-Variante beschrieben, die sie vom Libanon her kannte. Nach so viel Theorie half sie mir auch noch, in dem türkischen Supermarkt an der Ecke alle Zutaten für den Salat zusammenzusuchen. Über das Kochen kann man auch zueinander finden.