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Literarische Weinprobe. Ein absichtsloser Streifzug durch deutsche Literatur und Geschichte

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Artikel vom 18.06.2010

WIESBADENER TAGBLATT

Von Ingeborg Toth

BEGEGNUNGEN Renate Schwarze war vier Jahre Bürgermeisterin in Görlitz

Sie war Leiterin der „Feierabend- und Pflegeheime“ in Görlitz, als sie im Wendejahr 1990 gefragt wurde, ob sie Bürgermeisterin werden wolle. „Ich hatte 48 Stunden, um mir das zu überlegen“, erklärte Renate Schwarze im Presseclub. Vier Jahre lang hat sie das Amt ausgeübt. In dieser Zeit baute sie eine tragfähige Partnerschaft mit Wiesbaden auf, die jetzt ihr 20-Jähriges feiert.

„Das Besondere ist, dass es im Zuge der deutschen Einheit zu dieser Partnerschaft kam“, so Presseclub-Moderator Hilmar Börsing. Besiegelt wurde die deutsch-deutsche Städtefreundschaft am 1. Juli 1990. Da war von Rathaus zu Rathaus schon vieles in Bewegung gekommen - Medizin-Hilfe für Görlitz zum Beispiel. Die Urkunde war nur noch eine Formalität. Auf einer Wiesbadener Schreibmaschine getippt, war ein Vertrag aufgesetzt worden. „Ich hätte mich damals gefreut, wenn ich so eine Schreibmaschine gehabt hätte“, sagt Renate Schwarze.

„Wir brauchten die Unterstützung aus Wiesbaden“, sagt die Sozialdemokratin, die bis heute kommunalpolitisch engagiert ist. „Ängste waren natürlich auch da. Dass jemand kommt und uns seine Meinung überstülpt. Wobei wir unheimlich wissbegierig waren.“ Für manches habe es in der Wendezeit nicht einmal eine gesetzliche Regelung gegeben: „Aber wir hatten die Wiesbadener Ratgeber an unserer Seite.“

Die reisten auch nach Görlitz, obwohl es kaum Hotelzimmer gab. Renate Schwarze sagt, dass man die Besucher gern privat aufgenommen habe. „Die bekamen auch einen Einblick, wie wir lebten.“

Nach der Wende fanden die Besucher in Görlitz eine historische Altstadt vor, die verfallen war. „Die Häuser waren unbewohnt, die Scheiben zerschlagen.“ Gewohnt haben die Görlitzer in den Plattenbauten rings um den Stadtkern. Knapp 80 000 Einwohner hatte Görlitz damals, heute sind es noch 57 000. Im Augenblick ziehen wieder Bürger nach Görlitz: „Es kommen Menschen aus den westlichen Bundesländern, die sich ihren Altersruhesitz in Görlitz suchen.“ In einer vorbildlich sanierten Kernstadt mit stattlichen Renaissance- und Barockbauten gibt es große Altbauwohnungen zu günstigen Mieten: pro Quadratmeter um 3,85 Euro.

Görlitz bezeichne sich als „Schönste Stadt Deutschlands“ und offeriere „Probewohnen“ in der Innenstadt. Die Infrastruktur sei mittlerweile ausgezeichnet, so Renate Schwarze, aber auch die medizinische Betreuung. „Wenn ich von Partnerschaft rede, muss ich die Horst-Schmidt-Kliniken erwähnen, die einen großen Anteil daran haben, dass wir ein Krankenhaus mit 1000 Beschäftigten besitzen. Dort wird man hervorragend versorgt.“