Dienstag, 14.02.2012
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Artikel vom 27.05.2010
WIESBADENER TAGBLATT
Von Ingeborg Toth
PRESSECLUB Kriminologe Professor Rudolf Egg berichtet von zunehmenden Jugendvergehen
Kriminologe Professor Dr. Rudolf Egg spricht im Wiesbadener Presseclub zum Thema Jugendkriminalität.
„Gewalt ist im Wesentlichen jung und männlich.“ Das erklärte Professor Dr. Rudolf Egg im Presseclub. Er ist der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in der Viktoriastraße. Sie ist eine Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Bundes und der Länder. „Diese gewalttätigen jungen Männer legen in der Pubertät ein anti-soziales Verhalten an den Tag“, so Rudolf Egg. „Sie begehen im Alter von 14 oder 16 Jahren und vielleicht noch als junge Erwachsene Straftaten. Doch die Gewalt bleibt bei den meisten von ihnen eine Episode. Sie werden in ihrem weiteren Leben nicht mehr auffällig.“ Eine kleinere Gruppe unter diesen Jugendlichen bekämen aber die Kurve nicht: „Sie werden zu Serien- und Wiederholungstätern, die uns am meisten Sorgen machen.“
Betrachte man die Statistiken der vergangenen Jahrzehnte, so steige die Jugendgewalt insgesamt an, weil die Mädchen neuerdings mitprügeln. „Obwohl es auch Zeiten der Stagnation gibt. Es wird eben nicht nur alles immer schlimmer.“
Die jugendlichen Täter machen sich laut Egg häufiger der Körperverletzungen schuldig, auch die Raubdelikte nehmen zu. „Der allgemeine Trend des grundsätzlichen Ansteigens der Jugendkriminalität gilt weniger für sexuelle Delikte und er gilt gar nicht für Tötungsdelikte.“ Dies sei erfreulich, zumal es so etwas wie eine „gefühlte Kriminalität“ gebe, die zum Beispiel durch den sonntäglichen „Tatort“ beeinflusst werde. Egg gab zu, dass er die Fernsehserie schätzt, in der Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind. „Auch einzelne Gewaltdelikte in der S-Bahn lassen uns glauben, dass die Zahl dieser Straftaten gegen das Leben ständig ansteigt. Dem ist zum Glück nicht so.“
Insgesamt seien die gewalttätigen Jugendlichen in der Minderzahl. Wer danach frage, was bei denen schief laufe, müsse nach den Familien schauen, in denen diese jungen Menschen aufwachsen. Für den Psychologen Egg ist die Familie der Ort, an dem junge Menschen früh lernen, etwa einen Wunsch aufzuschieben. Sie müssten die Erfahrung machen, dass es sich lohnen könne, auch einmal zu warten. „Wenn ich allerdings in einer instabilen Umgebung aufwachse, in der ich nicht weiß, an wen ich mich halten kann, in der ich herumgeschubst werde, von der Großmutter zur Mutter und schließlich ins Heim - wie soll ich dann lernen, Vertrauen in die Menschen zu haben? Vertrauen auch in die eigenen Fähigkeiten.“ Egg ist überzeugt: „Für die soziale Bindung ist die frühe Entwicklung schon sehr, sehr maßgeblich.“ Wenn man einem jungen Menschen sage, diese und jene Regel sei einzuhalten und sie werde dann nicht eingehalten, dann müsse diese Regelverletzung auch geahndet werden.
Solche Sanktionen müssten aber als gerecht zu erkennen sein - sie dürften nicht unangemessen sein, die Verhältnismäßigkeit müsse gewahrt bleiben. Neben der Familie sei aber der Kontakt zu den Gleichaltrigen wichtig, das habe die Kriminologie in den vergangenen Jahrzehnten gelernt. Spätestens bei den Heranwachsenden spiele es nicht mehr so die Rolle, „was die Alten sagen“. Aber was Freunde sagen, und wen der Einzelne als Freund gewinnen könne, das präge in dieser Lebensphase. „Immer auf der Grundlage dessen, was ich in der Familie gelernt habe. Ist die Basis schon wackelig, dann ist der Kontakt zu anderen auffälligen Jugendlichen ein weiterer Schritt hin zu antisozialem Verhalten.“
Egg nahm auch zu brutalen Computerspielen Stellung. Der Hass und die Gewalt, die etwa Schulamokläufer an den Tag legten, entstehe nicht durch irgendeine Art von Computerspiel. Der Konsum solcher Gewalt-Videos könne durchaus Hassfantasie verstärken: „Wer allerdings eine gesunde Entwicklung genossen hat, der kann seine Videos spielen. Der kommt niemals auf die Idee, einem anderen Gewalt anzutun.“
Jugendgewalt sei ein soziales Phänomen, das die Menschheit schon immer begleitet habe. „Man kann sie nicht abschaffen, man kann sie allenfalls lindern.“ Dazu müsse man aber erst einmal akzeptieren, „dass es sie gibt und dass sie nicht auslöschbar ist“.
In Wiesbaden werde demnächst das erste hessische Haus des Jugendrechts eingerichtet. Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendbehörde sollen sich darum kümmern, bestimmte Formen der Jugendgewalt gemeinsam anzugehen. Man setze sich im Haus des Jugendrechts an einen Tisch, um über das Schicksal einzelner Jugendlicher zu beraten. „Es geht nicht um den kurzen Prozess, sondern um den besseren.“ Je schneller auf eine jugendliche Verfehlung reagiert werde, desto günstiger sei das in der Wirkung. „Die beste Sanktion verpufft, wenn sie keinen inneren Zusammenhang mehr herstellen kann zu der Straftat.“ Eggs Kriminologische Zentralstelle wird das Haus des Jugendrechts wissenschaftlich begleiten.